Nun, das liegt wohl am viel zitierten generischem Maskulinum, das sich in unserer Sprache eingebürgert hat. Aber mal ehrlich, wollte in der Vergangenheit wirklich jemand Bürgerinnen ausgrenzen, wenn er von Bürgern gesprochen hat? Ich glaube kaum. Nun aber, mit dieser Debatte, dürfte es ihm deutlich eher unterstellt werden. Und das ist schon irgendwie traurig.
Das generische Maskulinum hat sich durch eine historisch männliche dominierte Welt eingeprägt und durchgesetzt. Frauen waren über ganze Epochen quasi nur Beiwerk, teils rechtelos und "nur für Heim und Herd". Herrje, man muss sich doch nur mal anschauen, wann selbst in DE bestimmte Rechte überhaupt erst ebenfalls für Frauen galten: Vom Wahlrecht, über das Recht ein eigenes Bankkonto zu führen bis hin zur Möglichkeit die Scheidung einzureichen.
Erst durch die Stärkung der Frau und eine generelle Liberalisierung der Gesellschaft kam es zu der Diskussion, dass es nicht nur tatsächliche, rechtliche und sonstige Ungleichbehandlungen gab und gibt, sondern dass diese sogar in sprachlichen Konstrukten manifestiert sind.
Eine rückblickende Frage, ob sich Frauen also auch früher schon ausgegrenzt gefühlt haben, lässt vollkommen außer Acht, dass das Rechteniveau deutlich niedriger war. Die Ansprüche steigen aber mit dem allgemeinen und individuellen Status.
Selbst deine (Ur-)Großmutter, hatte wahrscheinlich eher mit der Erfüllung von Grundbedürfnissen zu kämpfen, als es vielleicht deine Schwester (oder Tochter) heute hat/hätte. Natürlich verschiebt sich damit auch Wahrnehmung und (gesellschaftlichem) Umfeld.
Viel mehr noch. Was ist mit all den amtlichen Formularen und Gesetzestexten?
Hier gibt es schon seit längerem Bemühungen entsprechende Texte, Formulare etc. geschlechtsneutral zu halten.
Was ist z.B. mit der Bibel (mir als Atheist eigentlich egal, aber es ist halt ein wichtiges Standardwerk)? Müssen die komplett umgeschrieben werden? Macht man es nicht, dann grenzen diese Werke ja auch aus.
Nein. Warum auch? Du verwurscheltst da etwas und zwar gleich auf mehreren Ebenen:
1. Jeder kann natürlich weiterhin schreiben, wie er will - insbesondere, wenn er damit bestimmte Gruppen von Menschen gezielt ausschließen will oder zumindest das Risiko eingehen will, dass sich bestimmte Gruppen ausgegrenzt fühlen könnten.
2. Es gab (und wird) entsprechend auch schon immer Werke, Schriften etc. pp., die daher absichtlich nur bestimmte Gruppen ansprechen - und dann ist das auch ok. Wer vom 1. BuLi-Spiel von der Männermannschaft des FCB schreibt, braucht nicht zu gendern.
3. Du unterliegst der Fehlannahme, dass die Bibel umfassend ansprechen wollte. Das ist nicht nur sprachlich und historisch falsch, sondern auch inhaltlich: Die Bibel ist stärker ausgrenzend, abschottend und abgrenzend, als integrativ. Es sollte ja, auf vielen Ebenen, eben eine Differenzierung stattfinden: Zwischen Gläubigen und Ungläubigen etc. pp. Wie kommst du also darauf, dass historische Texte, die gezielt ausgrenzend geschrieben sind umgeschrieben werden sollten?
4. Texte sind natürlich auch in ihrem sprachlichen und historischen Kontext zu sehen. Zu welchem Ergebnis man bei einer solchen Einordnung dann kommt, sei mal dahin gestellt - aber sie sind so geschrieben, wie sie geschrieben sind. Wenn der KKK "damals" Gruppen ausschließen wollte, warum sollte man deren Texte heute umschreiben, um ein anderes - und damit falsches - Bild wieder zu geben?