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Nachdem wir uns die letzten beiden Male mit der Welt der Psychoakustik auseinander gesetzt haben. (Was das habt ihr verpasst? Dann hier entlang!)
Möchte ich nun vor allem das Thema Lautstärke und Lautheit in den praktischen Kontext bringen und eine weitere Reihe eröffnen. Die der Tontechnik.
Kompression
Das ist das Thema diesmal. Ich kann mir vorstellen, dass der ein oder andere das Wort schon hier und da mal vernommen hat. Für all diejenigen ohne Vorkenntnis hier nun eine kleine Einführung.
Mit Kompression erreicht man (in der Regel) eine Einschränkung, also Reduktion, der Dynamik. Wieder ein Fremdwort...Dynamik.
Die Dynamik ist der Unterschied des leisesten zum lautesten Ton eines Signals.
Beispiel:
Man hört gerade seine Lieblings Klassik-CD und zwar Titel Nummer 1. Das Lied geht so ca. 10 Minuten dahin. Die leiseste Stelle des Stückes kommt bei 2:12, technisch herrscht dort eine Lautstärke von 50 dB FS. Die lauteste Stelle schlägt mit ca. 80 db FS bei 5:55 zu Buche. Das Stück hat also eine maximale Dynamik von 30 DeziBel (FullScale).
Durch geschickte Kompression kann man nun dieses Summensignal so bearbeiten, dass die lauteste und die ruhigste Stelle Lautstärkenmässig näher zusammen rücken. Also etwa nur noch 10 dB FS voneinander entfernt sind.
Erreicht wird dies durch das dynamische leiser machen der lautesten Stelle.
Hä?
Stellt euch folgende Situation vor. Ihr telefoniert gerade mit einem Freund. Seine Lautstärke ist ganz angenehm. Doch auf einmal fängt dieser an zornig zu werden. UND BRÜLLT MIT EINEM MAL INS TELEFON. Schlau wie ihr seid, macht ihr einfach euren Telefonhörer leiser. Als er sich wieder beruhigt spricht er auch wieder leiser. So leise, dass ihr ihn nicht mehr so gut versteht. Ihr müsst das Telefon wieder lauter machen. Folgende Grafik soll dies verdeutlichen:

Die obere Linie zeigt, wie das Gespräch verläuft, ohne dass man die Hörerlautstärke verändert.
Die untere zeigt die optimierte (komprimierte) Linie. Es ist deutlich erkennbar, dass die Kurve flacher ausfällt als die obere. Lauteste und leiseste Stelle sind näher zusammen gerückt. (Ihr habt hoffe ich das letzte Mal aufgepasst.) Der Durchschnitt der Lautstärke ist gestiegen. Denn am Ende dieser speziellen Optimierung wird das Signal erneut lauter gemacht um wieder volle Aussteuerung zu haben. Das Signal WirD DurCH EIneN KOMPRImierungVORGANG ALSO LAUTER!
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Warum macht man das überhaupt?
Hierfür gibt es einige Gründe.
- Zunächst erreicht man durch so eine Bearbeitung eine bessere Aussteuerung während der Aufnahme. Also wenn beispielsweise gerade der Gitarrist im Studio steht und etwas einklampft.
- Desweiteren kann man durch einen extrem stark eingestellten Kompressor sein Equipment schützen! Denkt mal an eine Live-Veranstaltung. Stellt man den Kompressor so ein, dass er auf einen gewissen Wert festgesetzt ist, kann es einem nicht "zufällig" passieren, die Anlage zu überlasten.
- Die nächsten Gründe, die für eine derartige Bearbeitung sprechen, sind die eher künstlerische Bearbeitung, welche wahrend des Mixdowns vonstatten geht. Ein sogenannter Mixdown-Engineer, bekommt den Auftrag eines Produzenten, er solle doch seinen Song klanglich so aufbereiten, dass jedes Signal gut verstanden werden kann (na habt ihrs gemerkt? "Gut verstanden" heisst in diesem Falle "LAUT") und auch noch auf möglichst vielen Geräten "gut rüberkommt". Etwa dem Küchenradio einer Hausfrau, welche nebenbei bügelt oder Wäsche wascht. Und Kompression haucht einigen Instrumenten überhaupt erst einen gewissen Charakter ein. Druck und Stärke sind die Folge.
- Und noch etwas kommt hinzu. Lautheit...und diese erzeugt der Kompressor ja...erzeugt Euphorie bei uns Menschen. Wir fühlen uns wohl wenn es laut ist. Wissenschaftlich erwiesener Massen. Eigentlich ist es also gar nichts verwerfliches warum soviele Menschen ZU LAUT Musik hören, dass die ganze S-Bahn mithören kann. (Ja ich kenn' euch *grrr*)
- Noch ein Beispiel in welchen Bereichen stark komprimiert wird. Ich denke ihr hattet alle schon einmal das Vergnügen in einen Fernsehapparat zu gucken. Folgende Situation. Ihr schaut gerade eure Lieblingssendung oder einen Film. Plötzlich kommt eine dieser grässlichen Werbepausen.
Zuschauer schrieb:Oh schnell griff zur Fernbedienung. Was isn die so laut? - Eine andere Situation, in der einem das Ergebnis zu weniger Kompression bewusst wird:
Viele haben denke ich schon mal einen Podcast gehört oder haben einem Hörbuch gelauscht. Falls nicht, vielleicht habt ihr da ja mal Lust drauf: (Hier einige Ressourcen, von denen man kostenloses Material runterladen kann):Einen guten Beitrag über Audiobücher findet ihr im Tutorial (Software) Bereich auf Apfeltalk. Zum Beispiel:- Herr Sin's - Hörbücher mit Audiobook Builder
- turncoats' - [HOWTO] Von der CD zum fertigen Hörbuch
- palmetshofer's - [iTunes] Hörbücher erstellen für den iPod
Achja...schonmal dran gedacht?
Laut Musik hören zerstört die Ohren! Das wisst ihr ja schon. Nur denke ich, ihr seid bis jetzt davon ausgegangen, dass dieses Musiksignal nicht auf eine solche Weise bearbeitet wird - oder? "Ouch" sagen meine Ohren da nur, wenn ich an sowas denke.
In der Praxis sieht es so aus, dass die heutige Musik so stark komprimiert wird, dass nur wenige VU Dynamik übrig bleiben. Das könnt ihr übrigens selbst mal ganz leicht nachvollziehen. Nehmt euch einen alten Beatles Song, ladet euch diesen in etwa Audacity oder ein ähnliches Programm, und als zweite Spur öffnet ihr nochmal etwas von Britney Spears daneben. Grüß Gott sag ich da nur. Übrigens, ich find's lustig, die Beatles nennt man im Fachjargon auch gerne mal "Fischgräten" und Britney Spears wird gerne mal als "Wurscht" bezeichnet

Hier nochmal ein optischer Vergleich:

Deutlich sieht man, dass im oberen Beispiel weniger Dynamik vorhanden ist als unten - und das obwohl beide maximal, also bis 0 dB FS, ausgesteuert sind.
Der obere Track klingt deutlich lauter als der untere.
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Für Podcaster

Fuer Podcaster empfiehlt es sich auch einmal einen Blick bzw. Gedanken auf diese Art der tontechnischen Bearbeitung zu nehmen. Man kann sein Signal dadurch mitunter recht gut aufbereiten und dem Zuhörer verständlicher machen. GigaVox Media hat ein Tool kreiert, das Levelator heißt. Mit diesem kostenlosen Tool ist es möglich seine Stimme etwas im Durchschnittspegel zu heben. Habe es selbst ausprobiert. Der Unterschied ist nicht überwältigend und kommt der totkomprimierten Radiosprecher Stimme gleich, aber es wird eben doch lauter. Und eignet sich durch diese moderate Lautstärkeanhebung insbesondere für Podcaster, da diese ja meist mit relativ schlechtem Equipment aufnehmen. Eine zu drastische Änderung der Durchschnittslautstärke würde hier den unangenehmen Effekt haben, dass auch Umgebungsgeräusche unmäßig laut werden und beim Hörer störend ankommen.
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Zuletzt noch ein paar Beispiele
Ich habe wieder das Delicate Piano, welches ich anfänglich bei den Soundformaten bereits benutzt habe, als Beispiel verwendet.
Original.
Die zweite Version habe ich limitiert. Ein Limiter ist nichts anderes als ein extrem stark eingestellter Kompressor. Es ist deutlich zu hören, dass das Piano lauter geworden ist. Der Klang hat aber auch deutlich gelitten. So kann man die einzelnen Anschläge schwerer ausmachen, als bei der originalen Version.
Ihr seid gefragt!
Wie seht ihr das? Findet ihr das gut, dass der Otto-Normal-Verbraucher so in Anführungszeichen "verarscht" wird? Es hat ja doch auch seine durchaus praktische Relevanz etwa die der Aussteuerung und besseren Verständlichkeit.
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