Ich bin hin- und hergerissen. Tatsächlich mag ich die prinzipielle Design
idee total gern und habe die Vorstellung auf der WWDC geliebt. Richtig schick. Das fällt mir auch in der Benutzung ab und zu auf. Es gibt eine spielerische Komponente, bei der ich mich bei Nutzung daran erfreue, wie Dinge irgendwo durchscheinen und verzerrt werden. Optisch sehr befriedigend gestaltet. Dazu gehört auch das Einfliegen der Icons oder die neue Animation beim Schließen von Apps zurück in ihr Icon.
Leider ist das nicht alles. Ich will mein Telefon in erster Linie benutzen. Dann stört es mich schon, wenn die Bedienoberfläche so auffallend gestaltet ist, dass sie vom eigentlichen Inhalt ablenkt, denn das ist schlechtes Design. Wenn dabei noch die Lesbarkeit eingeschränkt wird, ist das absolut fatal. Das merke ich inbesondere bei den älteren Nutzern, für die iOS26 noch mal eine neue Herausforderung ist.
Der Job eines Betriebssystems ist nicht, dem Inhalt Konkurrenz zu machen, sondern ihn mir problemlos zur Verfügung zu stellen. Da ist die neue etwas härtere Version von LiquidGlas in 26.1 schon ein kleiner Fortschritt. Leider ist die in vielen Bereichen noch inkonsequenter umgesetzt und dadurch ein noch größerer Flickenteppich als die echte LiquidGlas-Version.
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Bild1: Warum ist die URL und die Leiste darunter nicht eine gemeinsame Leiste? Ist der Glas-Effekt von beiden unterschiedlich?
Für mich wirkt LiquidGlas immer noch wie ein Design, dass es nur aus Selbstzweck gibt. Es hat in sich keinerlei Vorteile gegenüber dem alten Design und wirkt so als würde es nur existieren, damit es anders aussieht. Dabei wurden völlig simple Designprinzipien über Bord geworfen – und das vermutlich nur, um zu kaschieren, dass funktional wenig passiert und Apple mit KI stagniert (was mich persönlich gar nicht stört).
Auf der Detailebene macht mich LiquidGlas wahnsinnig. Das ist an so vielen Stellen schlecht umgesetzt und strotzt vor Inkonsistenzen. Die unterschiedlichen Glasigkeits-Level, die allein auf dem Sperrbildschirm zu sehen sind, aber auch in anderen Apps wirken nicht nach einem einheitlichen Design. Widgets, Benachrichtigungen, die zwei Buttons und die Uhrzeit sind unterschiedlich glasig. Auch an anderen Stellen ist es entweder glasig, milchig, zurückhaltend oder schrill.
Beim Übergang von Sperrbildschirm und Homescreen wird erst mit wirklich schickem präsentem Glaseffekt gespielt, wenn man den Sperrbildschirm rein- oder rauszieht. Aber der Effekt am Ende, der dann die Icons verschwinden lässt, bzw. anzeigt und das neue Hintergrundbild anzeigt, ist fürchterlich und führt die ganze Animation ad absurdum. Das war vor iOS26 deutlich konsistenter. Mit iOS26 wurde auf die Konsistenz nur verzichtet, weil man so mehr LiquidGlas zeigen kann. Einen anderen "Vorteil" gibt es durch die Entscheidung nicht.
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Bild2: Übergang Homescreen zu Sperrbildschirm. Glasigkeiten von Widgets und Buttons ist unterschiedlich. Die Fokus-Schrift wirft einen Schatten, aber nur auf helle Icons (statt einen dezenten Rahmen ähnlich der Widgethintergründe zu bekommen).
Warum aber gibt es keine subtilen Glas-Effekte, wenn ich Homescreens wechsle, oder wenn ich in Ordnern zwischen den Ordnerseiten blättere? Da hätte man es spielerisch einsetzen können, ohne dass es sich störend vor Inhalte setzen kann. Warum wird das Telefon als solches nicht auch als LiquidGlas gewertet? Die Animation beim Herunterziehen des Sperrbildschirms zeigt an den Rändern ja, dass die Idee vorhanden war und nur an dieser Stelle auch umgesetzt wurde.
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Bild3: An diesen Übergängen zwischen Icons und Ordner-Rand hätte man so viel Möglichkeiten gehabt. So wirkt es unfertig.
Ich fang jetzt nicht noch mit diesen Designentscheidungen an, dass man die Wecker-Snooze- und Ausschalten-Buttons auf dem Sperrbildschirm nah beieinander und gleichgroß gestaltet hat, obwohl Apples eigene Tests vor zig Jahren schon bestätigt hatten, dass das schlechtes Design ist, da der Wecker unabsichtlich deaktiviert wurde. Das wurde ja immerhin korrigiert, bevor die Versionsnummer 27 geschlagen hat, aber warum kommen solche wiederholten Fehler überhaupt in eine finale Version?
Ich habe irgendwo hier (oder in einem anderen Thread) prophezeit, dass dieses Design vermutlich 2-3 Jahre reifen muss, bis es "fertig" ist. Es macht mich aber nachdenklich, ob das überhaupt zutrifft, oder ob wir in eine Zeit schlittern, wo Apple keine Anstrengungen mehr unternimmt, ihr Design zu durchdenken und sich solche Fehler weiter durchs OS ziehen.
Andere Betriebssysteme scheinen mir da konsistenter zu sein, aber da müsste ich mir erstmal eine qualifizierte Meinung bilden, eh ich mich da aus dem Fenster lehne